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Meditation: Fragen & Antworten

Aus dem Buch Meditation - Menschliche Vervollkommnung in göttlicher Erfüllung von Sri Chinmoy
1. Meditation: Die Sprache Gottes
2. Das Wichtigste zuerst: Wie beginnt man?
3. Stille im Verstand
4. Dein spirituelles Herz – das Heim des Friedens
5. Konzentration, Meditation & Kontemplation
6. Zwei Flügel zum Fliegen: Gebet und Meditation
7. Die Kraft der Mantren
8. Musik und Meditation: Klang und Stille
9. Empfänglichkeit: Sich dem Licht öffnen
10. Wie kann ich gut meditieren?
11. Die Freude bewahren
12. Deine tägliche Meditation: Nahrung für die Seele
13. Gib niemals auf!
14. Meditation: Die Lösung für praktische Probleme
15. Meditation in der Praxis: Der Dienst an anderen
16. Der Guru: Dein Privatlehrer
17. Meditation als Schüler Sri Chinmoys
18. Das Verstehen der inneren Erfahrungen
19. Samadhi: Die Höhe des göttlichen Bewusstseins




Wie meditiert man?
Sri Chinmoy: Es gibt zwei Wege, wie man meditieren kann. Ein Weg ist, den Verstand still zu machen. Ein gewöhnlicher Mensch denkt, dass er zum Narren wird, wenn er den Verstand zum Schweigen bringt. Er hat das Gefühl, dass der Verstand alles verloren hat, wenn er nicht denkt. Aber das trifft nicht auf das spirituelle Leben zu. Im spirituellen Leben sehen wir, dass eine neue Schöpfung, ein neues Versprechen an Gott in unserem Verstand dämmert, sobald wir ihn zur Ruhe bringen. Bis jetzt haben wir unser Versprechen an Gott nicht erfüllt; wir haben unsere Existenz nicht völlig Gott gewidmet. Wenn wir den Verstand still machen können, sind wir in der Lage, Gott zu erfreuen und zu erfüllen. Ein anderer Weg der Meditation ist, das Herz leer zu machen. Im Augenblick ist das Herz voller emotionaler Verwirrungen und Probleme, die durch das unreine Vitale verursacht werden und nun das Herz einhüllen. Das Herz ist ein Gefäß. Im Augenblick ist das Herz voller ungöttlicher Dinge, Dinge die uns begrenzen und binden. Wenn wir unser Herzensgefäß leeren können, gibt es jemanden, der es mit göttlichem Frieden, Licht und Wonne füllen wird; mit Dingen, die uns befreien werden. Wenn wir unser Herz von Unwissenheit befreien, wird Gottes Weisheitslicht kommen und es füllen.

Kann jemand meditieren, der nicht an Gott glaubt?
Sri Chinmoy: Wenn jemand nicht an Gott glaubt, kann er meditieren, doch er wird vielleicht nichts erreichen. Meditation ist der Weg, der zu Gott führt. Wenn du nicht an Gott glaubst, wirst du natürlich auch nicht diesem Weg folgen.

Ist Meditation die höchste Wirklichkeit?
Sri Chinmoy: Man kann sagen, dass Meditation für einen Anfänger die höchste Wirklichkeit ist. Aber wenn man zum fortgeschrittenen Sucher wird, weiß man, dass Meditation nur zur höchsten Wirklichkeit führt. Wenn jemand in Unwissenheit gelebt hat, wenn er noch nie in seinem ganzen Leben auch nur eine Minute lang gebetet oder meditiert hat, dann ist Meditation natürlich die höchste Wirklichkeit, die sein Bewusstsein erreichen kann. Aber wenn man ein paar Jahre lang Meditation geübt hat, weiß man, dass Meditation selbst nicht die höchste Wirklichkeit ist. Die höchste Wirklichkeit ist etwas, das man erreicht oder zu dem man wird, indem man dem Weg der Meditation folgt.

Ändert sich der Schwerpunkt der Meditation, wenn sich eine Person spirituell entwickelt und die Verwirklichung erreicht?
Sri Chinmoy: Nachdem man die Verwirklichung erreicht hat, braucht man nicht mehr auf die Art und Weise zu meditieren, wie ein Sucher meditiert. Wenn jemand die Verwirklichung erlangt hat, was Einssein mit dem Supreme bedeutet, dann befindet er sich ständig in Meditation. Wenn ein Sucher Gott verwirklicht hat, muss er nicht mehr meditieren, um etwas zu erreichen oder um über etwas hinauszugehen. Er meditiert, um Frieden, Licht und Wonne für die Menschheit herabzubringen oder um das Bewusstsein anderer zu erwecken.

Ich möchte in meinem Leben mehr Freude haben, doch ich fühle mich nicht sicher genug, mit der Meditation zu beginnen, um diese Freude zu erhalten.
Sri Chinmoy: Wenn du am Leben nicht genug Freude hast, du aber fühlst, dass du mehr Freude brauchst, bedeutet das, dass du spirituell hungrig bist. Wenn du spirituell hungrig bist, möchtest du spirituelle Nahrung essen. Wenn du nicht hungrig bist, möchtest du nichts essen. Fünfzehn oder zwanzig Jahre lang hast du dich nicht aufrichtig oder intensiv um das spirituelle Leben gekümmert. Deshalb wirst du, wenn du auf einmal in das Meer der Spiritualität springen möchtest, nicht fähig sein zu schwimmen. Du kannst deine Natur nicht über Nacht ändern. Es muss langsam und stetig geschehen. Zuerst bewegst du dich im Wasser und allmählich lernst du, wie man schwimmt. Schließlich kommt die Zeit, wo du gut schwimmen kannst. Da du inneren Hunger verspürst, heißt das, dass du bereit bist, Schwimmen zu lernen.

Müssen wir notwendigerweise zu Hause meditieren oder spielt es keine Rolle, wo wir meditieren?
Sri Chinmoy: Im Moment bist du noch ein Anfänger. Du kannst nur dann gut meditieren, wenn du alleine in deinem Zimmer vor deinem Altar sitzt oder hier im Meditationszentrum bist. Wenn du versuchst, beim Autofahren, beim Gehen oder in der U-Bahn zu meditieren, wird es dir nicht gelingen, sehr tief zu gehen. Es ist aber auch nicht genug, einfach vor deinem Altar zu sitzen. Während du vor deinem Altar sitzt, musst du in deinem Herzen einen inneren Altar fühlen; ansonsten wirst du keine zufriedenstellende Meditation haben. Beim Meditieren solltest du immer ins Herz gehen, wo du den lebenden Altar Gottes sehen und fühlen kannst. Vor deinem inneren Altar bist du sicher und geschützt. Du wirst dort von den göttlichen Kräften beschützt. Wenn du vor diesem inneren Altar meditieren kannst, dann machst du zweifellos den schnellsten Fortschritt, denn dort wirst du auf keinen Widerstand stoßen. Wenn du mehrere Jahre lang mit großer Aufrichtigkeit meditiert und eine gewisse innere Stärke entwickelt hast, wirst du überall meditieren können. Selbst wenn du an der U-Bahnstation stehst oder die Straße entlang gehst, wird dich das nicht stören. Mit der Zeit musst du lernen, dich in der höchsten Meditation zu befinden und dir gleichzeitig bewusst zu sein, was sich auf der irdischen Ebene ereignet.

Während der Meditation oder des Gebets konzentrieren sich manche Leute auf bestimmte Gegenstände wie Fotografien oder andere Dinge. Ist es für sie ratsam, an diesen Dingen zu haften oder wäre es weiser, auf etwas zu meditieren, das formlos ist, das man nicht sehen kann?
Sri Chinmoy: Wenn du auf etwas meditierst, betest du nicht einen speziellen Gegenstand als Gott an. Du erhältst von diesem Gegenstand nur Inspiration. Wenn ich auf eine Kerze schaue und die Flamme sehe, betrachte ich die Flamme nicht als Gott. Ich betrachte die Flamme als eine Quelle der Inspiration. Die Flamme inspiriert mich und verstärkt mein inneres Streben, mit einem glühenden inneren Schrei emporzusteigen. Während ich meditiere, kann ich eine Blume vor mich stellen. Diese Blume ist nicht Gott, obwohl Gott in der Blume ist. Doch die Blume inspiriert mich und schenkt mir Reinheit. Ich kann Räucherstäbchen anzünden. Die Räucherstäbchen stellen für mich nicht Gott dar, doch der Duft der Räucherstäbchen gibt mir ein Gefühl von Reinheit und hilft mir bei meinem spirituellen Fortschritt. Ich werde alles benützen, was mich inspiriert, um mein inneres Streben zu vergrößern, egal, ob es ein Bild, eine Kerze oder eine Blume ist. Denn wenn meine Inspiration und mein Streben wachsen, spüre ich, dass ich einen weiteren Schritt in Richtung meines Zieles getan habe. Die Kerze, das Bild oder die Blume selbst sind jedoch nicht Gegenstand meiner Verehrung.

Wenn wir schließlich Gott verwirklichen, werden diese Dinge dann wegfallen?
Sri Chinmoy: Wenn wir zum Experten in unserem strebenden Leben werden, dann wird keine äußere Form bestehen bleiben. Wir werden mit dem Formlosen eins werden. Doch am Anfang ist es notwendig, sich Gott durch die Form zu nähern. Am Anfang liest ein Kind laut. Es muss seine Eltern überzeugen, und es muss sich selbst überzeugen, dass es die Worte lesen kann. Wenn es nicht laut liest, glaubt es, dass es überhaupt nicht liest. Sobald es jedoch erfahrener wird, liest es leise. Zu diesem Zeitpunkt wissen das Kind und seine Eltern, dass es wirklich lesen kann, und deshalb kann die äußere Form wegfallen. Diese äußere Form ist jedoch im Vorbereitungsstadium des Suchers von größter Wichtigkeit. Sie wird schließlich wegfallen, wenn keine Notwendigkeit mehr dafür besteht.

Kann man unmittelbar nach dem Essen meditieren, oder ist es besser zu fasten?
Sri Chinmoy: Es ist nicht gut, wenn man unmittelbar nach einer großen Mahlzeit meditiert. Der Körper besitzt Tausende von subtilen spirituellen Nerven. Diese Nerven werden nach einer großen Mahlzeit schwer und erlauben dir dann nicht, die höchste Meditation zu haben. Der Körper wird schwer sein, das Bewusstsein wird schwer sein, die Nerven werden schwer sein und deine Meditation wird nutzlos sein. Wenn du richtig meditierst, spürst du, dass deine gesamte Existenz wie ein Vogel sehr, sehr hoch fliegt. Doch wenn dein Bewusstsein schwer wird, sinkst du sofort ab. Es ist daher immer ratsam, mit leerem Magen zu meditieren. Zwischen deiner Mahlzeit und dem Zeitpunkt, wo du dich hinsetzt und meditierst, sollten mindestens zwei Stunden vergehen. Wenn du jedoch beim Meditieren von Hunger gequält wirst, wird deine Meditation auch nicht zufriedenstellend sein. Wie ein Äffchen wird dich dein Hunger ständig belästigen. Du musst das Äffchen füttern, um es für ein paar Minuten ruhig zu halten. Ich würde dir in diesem Fall raten, vor deiner Meditation einfach ein Glas Milch oder Fruchtsaft zu trinken. Dies wird deine Meditation nicht ruinieren. Richtiges Fasten jedoch ist keineswegs notwendig, um gut zu meditieren. Durch Fasten kannst du dich bis zu einem gewissen Grad reinigen. Wenn du willst, kannst du einmal im Monat einen Tag lang fasten, um dein Wesen von äußeren Aggressionen und Begehren zu reinigen. Doch wenn du jeden Tag fastest, dann näherst du dich eher dem Tod als Gott. Fasten ist nicht die Antwort. Die Antwort ist ständiges, seelenvolles Meditieren, uneingeschränkte Liebe zu Gott und bedingungslose Hingabe an Gott.

Ist es notwendig vegetarisch zu leben, wenn man ein spirituelles Leben führen will?
Sri Chinmoy: Die vegetarische Lebensweise spielt im spirituellen Leben eine wichtige Rolle. Für den Strebenden ist Reinheit von größter Wichtigkeit. Wir müssen diese Reinheit im physischen, vitalen und mentalen Bereich fest verankern. Wenn wir Fleisch essen, dringt das aggressive tierische Bewusstsein in uns ein. Unsere Nerven werden erregt und rastlos. Das kann unsere Meditation stören. Wenn ein Sucher nicht aufhört, Fleisch zu essen, wird er normalerweise keine subtilen Erfahrungen, subtilen Visionen oder subtilen Verwirklichungen haben. Es gab eine Zeit, zu der das tierische Bewusstsein für die Bewegung notwendig war. Tiere sind von Natur aus aggressiv, doch zugleich ist hier im Tierbewusstsein ein dynamischer Vorwärtsdrang enthalten. Wenn wir keine tierischen Eigenschaften gehabt hätten, wären wir träge geblieben wie die Bäume oder wir wären im Steinbewusstsein verharrt, in welchem es keine Bewegung, keine Aktivität gibt. Doch leider enthält das tierische Bewusstsein auch viele unerleuchtete und zerstörerische Eigenschaften. Jetzt, da wir das spirituelle Leben beginnen, hat das Tierische seine Rolle gespielt. Vom tierischen Bewusstsein sind wir zum menschlichen Bewusstsein gekommen und nun versuchen wir zum göttlichen Bewusstsein zu gelangen. Die milden Eigenschaften von Früchten und Gemüse helfen uns, sowohl in unserem inneren Leben als auch in unserem äußeren Leben, die Eigenschaften von Güte, Wärme, Einfachheit und Reinheit zu festigen. Vegetarier zu sein hilft uns also, unser inneres Wesen in seiner eigenen Existenz zu stärken. Innerlich beten und meditieren wir; äußerlich hilft uns die Nahrung der Mutter Erde ebenfalls, indem sie uns nicht nur Energie, sondern auch Strebsamkeit schenkt. Manche Leute glauben, Fleisch gebe ihnen Kraft. Doch wenn sie tief in sich gehen, entdecken sie, dass es ihre eigene Vorstellung vom Fleisch ist, die ihnen Kraft gibt. Man kann diese Vorstellung ändern und fühlen, dass nicht Fleisch uns Kraft gibt, sondern die spirituelle Energie, die den Körper durchdringt. Diese Energie kommt sowohl von der Meditation als auch von richtiger Ernährung. Die Kraft, die man vom spirituellen Streben und der Meditation erhalten kann, ist unendlich viel stärker als die Kraft, die man vom Fleisch bekommt. Viele spirituelle Sucher sind zur Erkenntnis gelangt, dass sie als Vegetarier im spirituellen Leben schnelleren Fortschritt machen können. Doch zusammen mit der vegetarischen Ernährung muss man beten und meditieren. Sobald man inneres Streben besitzt, wird die vegetarische Ernährung beträchtlich helfen; die Reinheit des Körpers wird dem inneren Streben helfen, intensiver und seelenvoller zu werden. Andererseits heißt es nicht, dass man Gott nicht verwirklichen wird, wenn man kein Vegetarier ist.

Ich habe erst mit der Meditation begonnen und kann meine Gedanken noch nicht beherrschen. Wie kann ich eine erfolgreiche Meditation haben?
Sri Chinmoy: Wenn du ein Anfänger bist, solltest du nur göttlichen Gedanken erlauben, in dich einzutreten. Besser wäre es, während der Meditation überhaupt keine Gedanken zu haben, doch zu Beginn ist es fast unmöglich, den Verstand von Gedanken frei zu halten. Du kannst deshalb damit anfangen, gute Gedanken zu haben: "Ich möchte gut sein, ich möchte spiritueller sein, ich möchte Gott mehr lieben, ich möchte nur für Ihn existieren." Lasse diese Ideen in dir wachsen. Beginne mit einer oder mit zwei göttlichen Ideen: "Heute möchte ich ganz rein sein. Ich werde keinem schlechten Gedanken, sondern nur dem Frieden erlauben, in mich einzutreten." Wenn du einem göttlichen Gedanken erlaubst, in dir zu wachsen, wirst du sofort sehen, dass sich dein Bewusstsein zum Positiven hinwendet. Beginne mit göttlichen Ideen: "Heute möchte ich mich als wirkliches Kind Gottes fühlen." Dies wird nicht nur ein bloßes Gefühl, sondern eine tatsächliche Wirklichkeit sein. Fühle, dass die Jungfrau Maria das Jesuskind hält. Fühle nun, dass die göttliche Mutter dich wie ein Kind im Arm hält. Fühle dann: "Ich möchte wirklich Weisheitslicht haben. Ich möchte mit meinem Vater gehen. Wohin Er auch geht, ich werde mit Ihm gehen. Ich werde Licht von Ihm bekommen." Manche Leute haben keine solchen Ideen. Sie erhalten keine kreativen Gedanken oder Ideen. Es herrscht nur Leere. Du fragst vielleicht, was ist besser - viele dumme Botschaften im Verstand zu haben oder überhaupt keine. Doch es gibt eine negative, unbewusste Art der Meditation, die kein Leben in sich birgt. Das ist nicht der stille Verstand. Eine solche Meditation ist nicht produktiv. In wirklicher Meditation ist der Verstand still, doch gleichzeitig ist er bewusst.

Wäre es am besten, wenn man während der Meditation alle Gedanken von sich weist?
Sri Chinmoy: Es ist am besten, wenn man keinen Gedanken in sich eindringen lässt, egal ob es nun ein guter oder ein schlechter Gedanke ist. Es ist so, als ob du in deinem Zimmer bist und jemand an deine Türe klopft. Du hast keine Ahnung, ob es ein Feind oder ein Freund ist. Göttliche Gedanken sind deine wahren Freunde, und ungöttliche Gedanken sind deine Feinde. Du möchtest deinen Freunden gerne erlauben einzutreten, aber du weißt nicht, wer deine Freunde sind. Und selbst wenn du weißt, wer dein Freund ist, siehst du vielleicht beim Öffnen der Tür, dass deine Feinde auch da sind. Bevor deine Freunde die Schwelle überschreiten können, werden deine Feinde eintreten. Es ist auch möglich, dass du keine ungöttlichen Gedanken siehst, doch während die göttlichen Gedanken kommen, werden sich die ungöttlichen Gedanken wie Diebe einschleichen und fürchterliche Verwirrung stiften. Wenn sie einmal da sind, ist es sehr schwierig, sie wieder fortzujagen. Dazu brauchst du die Kraft solider spiritueller Disziplin. Fünfzehn Minuten lang hegst du vielleicht spirituelle Gedanken, und dann kommt plötzlich ein ungöttlicher Gedanke, und deine Meditation ist ruiniert. Es ist deshalb am besten, während der Meditation keinem Gedanken zu erlauben, in dich einzudringen. Halte einfach die Türe von innen verschlossen. Deine wirklichen Freunde werden nicht weggehen. Sie denken sich: "Heute stimmt etwas nicht mit ihm. Normalerweise ist er so nett zu uns. Es muss einen bestimmten Grund geben, weshalb er die Tür nicht öffnet." Sie haben mitfühlendes Einssein und warten unbegrenzte Zeit. Doch deine Feinde warten nur ein paar Minuten. Dann verlieren sie die Geduld und sagen: "Es ist unter unserer Würde, unsere Zeit hier zu verschwenden." Diese Feinde haben ihren Stolz. Sie sagen sich: "Was macht das schon? Wer braucht ihn? Lasst uns gehen und jemand anderen angreifen." Wenn du einem Äffchen keine Aufmerksamkeit schenkst, wird es schließlich weggehen und jemand anderen beißen. Doch deine Freunde sagen: "Nein, wir brauchen ihn, und er braucht uns. Wir warten unbegrenzte Zeit auf ihn." Nach einigen Minuten werden deine Feinde weggehen. Dann kannst du die Tür öffnen: deine liebsten Freunde warten dort auf dich. Wenn du regelmäßig und ergeben meditierst, dann wirst du nach einiger Zeit innerlich stark. Du wirst fähig, nur göttliche Gedanken hereinzulassen und die ungöttlichen Gedanken zu verjagen. Wenn du einen Gedanken voll göttlicher Liebe, göttlichen Friedens oder göttlicher Kraft bekommst, dann wirst du diesem Gedanken erlauben, in dich einzutreten und sich in dir auszudehnen. Du wirst ihn im Garten deines Verstandes spielen und wachsen lassen. Während der Gedanke spielt und während du mit dem Gedanken spielst, wirst du sehen, dass du in ihn hineinwächst. Jeder göttliche Gedanke, den du hereinlässt, wird eine neue und erfüllende Welt für dich erschaffen und dein gesamtes Wesen mit Göttlichkeit erfüllen. Nach einigen Jahren der Meditation wirst du ausreichend innere Stärke besitzen, um selbst schlechte Gedanken hereinzulassen. Wenn ein schlechter Gedanke in deinen Verstand eindringt, wirst du ihn nicht zurückweisen; du wirst ihn umwandeln. Wenn ein ungöttlicher Gedanke an deine Türe klopft, dann kannst du ihm die Tür öffnen, sofern du genug Kraft hast ihn zu zwingen, sich anständig zu benehmen. Mit der Zeit musst du die Herausforderung annehmen und diese falschen Gedanken besiegen, sonst werden sie immer wieder zu dir zurückkommen und dich belästigen. Du musst dich wie ein göttlicher Töpfer verhalten. Wenn sich der Töpfer davor fürchtet, den Ton zu berühren, dann wird der Ton immer Ton bleiben, und der Töpfer wird nicht in der Lage sein, der Welt etwas anzubieten. Aber wenn der Töpfer keine Angst hat, dann kann er den Ton zu etwas Schönem und Nützlichem formen. Es ist deine Pflicht, ungöttliche Gedanken umzuformen, aber erst, wenn du in der Lage bist, es gefahrlos zu tun.

Wie geht man am besten mit ungöttlichen Gedanken um, die während der Meditation kommen?
Sri Chinmoy: Sobald ein schlechter oder falscher Gedanke in deinen Verstand eindringt, musst du dein inneres Streben gebrauchen, um ihn abzuweisen, denn während der Meditation ist alles sehr intensiv. Wenn du sprichst oder irgendetwas Gewöhnliches machst, dann kannst du jede Art von Gedanken haben, denn dann sind deine Gedanken nicht intensiv. Doch wenn während der Meditation ein negativer Gedanke kommt, dann verstärkt die Kraft deiner Meditation diesen Gedanken, intensiviert ihn. Sobald dein Verstand während der Meditation selbstnachgiebigen Gedanken freien Lauf lässt, wird dein spirituelles Leben geschwächt. Wenn ein guter Gedanke kommt, versuche, ihn so weit wie möglich auszudehnen. Wenn die guten Gedanken auf einem niedrigen Niveau sind, kannst du versuchen, sie auf ein höheres Niveau zu heben. Doch wenn du einen schlechten Gedanken hast, versuche, ihn sofort abzuschneiden. Wie macht man das? Wenn der Gedanke, der dich angreift, aus der äußeren Welt kommt, dann versuche den Willen deiner Seele aus deinem Herzen hervorzubringen und ihn unmittelbar vor deine Stirn zu projizieren. Sobald der Gedanke, der in dich eintreten will, den Willen deiner Seele sieht, wird er unweigerlich verschwinden. Ärgere dich nicht, wenn du die innere Fähigkeit nicht hast, dies zu tun. Wenn während der Meditation falsche Gedanken auftauchen, hat der Sucher manchmal das Gefühl, die Macht dieses falschen Gedankens sei so groß, dass all sein Bemühen vergeblich gewesen sei, auch wenn er zwei oder drei Stunden lang meditiert hat. Ein einziger gewöhnlicher oder falscher Gedanke taucht auf, und er fühlt, er habe alles verloren. Das ist lächerlich. Solange du deinem Verstand nicht erlaubst, auf diese Gedanken einzugehen, solltest du den falschen Gedanken in diesem Augenblick keine Aufmerksamkeit schenken. Wenn während der Meditation emotionale Gedanken, niedere vitale Gedanken oder sexuelle Gedanken kommen und du sie nicht von dir fernhalten oder hinauswerfen kannst, dann versuche zu fühlen, dass diese Gedanken so bedeutungslos wie Ameisen sind. Schenke ihnen einfach keine Aufmerksamkeit. Wenn du spüren kannst, dass die spirituelle Kraft, die du von deiner Meditation erhalten hast, unendlich viel stärker ist als die Kraft des falschen Gedankens, dann kann dieser falsche Gedanke deine meditative Kraft nicht für seine eigenen Zwecke missbrauchen. Doch es kommt häufig vor, dass der Sucher große Angst vor diesen Gedanken bekommt und sich an ihnen festklammert. Auch wenn du nur über sie nachdenkst oder dich vor ihnen fürchtest, gibst du ihnen Lebenskraft. Es ist wahr, dass falsche Gedanken während der Meditation an Intensität gewinnen. Aber du kannst leicht gute Gedanken hervorbringen, die unendlich viel stärker sind. Wenn während deiner Meditation falsche Gedanken kommen, versuche sofort, dir eine deiner angenehmsten oder höchsten göttlichen Erfahrungen in Erinnerung zu rufen. Gehe in deine eigene Erfahrung hinein, die du vor zwei Tagen oder vor zwanzig Jahren hattest, und versuche, sie in dein mentales Bewusstsein zu bringen. Du wirst sehen, dass der Gedanke der niederen Ebene dich unweigerlich verlässt, sobald du dich völlig in deine eigene Erfahrung vertiefst, denn hier wird sich die höchste, tiefste und reinste Freude in deinem Bewusstsein ausbreiten. Göttliche Freude ist unendlich viel mächtiger als Begehren. Die Nektar-Wonne deiner eigenen spirituellen Erfahrung ist unendlich viel mächtiger als deine niederen vitalen Kräfte. Auf diese Weise kannst du das Problem lösen, ohne deine Meditation abzubrechen. Falsche Gedanken kommen, um dich anzugreifen und deine göttlichen Gefühle, göttlichen Gedanken und deine göttliche Kraft hinwegzunehmen. Doch wenn du deine gesamte Aufmerksamkeit auf göttliche Gedanken richtest und dich selbst nur göttlichen Gefühlen öffnest, dann gehen in vielen Fällen die falschen Gedanken von selbst weg. Sie sagen sich: "Er kümmert sich nicht um uns. Das ist nicht der richtige Ort für uns." Auch falsche Gedanken haben ihren Stolz; sie sind schrecklich eifersüchtig auf die göttlichen Gedanken. Sie machen sich nichts aus uns, wenn wir uns nicht um sie kümmern. Bis jetzt habe ich über die Gedanken gesprochen, die von außen kommen. Doch manchmal entstehen ungöttliche Gedanken im Inneren. Am Anfang ist es schwierig, Gedanken, die von außen kommen, von Gedanken zu unterscheiden, die von innen her entstehen. Doch mit der Zeit wirst du den Unterschied erkennen können. Die Gedanken, die von außen kommen, können schneller abgewehrt werden als die Gedanken, die dich von innen her angreifen. Wenn ein völlig unreiner und unerleuchteter Gedanke von innen her entsteht, dann kannst du zweierlei tun. Du kannst versuchen zu spüren, dass oben in deinem Kopf ein Loch ist. Dann lasse diesen Gedanken hinausfließen - wie einen Fluss, der nur in eine Richtung fließt und nicht zurück. Dann ist er weg, und du bist von ihm befreit. Die andere Methode besteht darin, sich als grenzenloser Ozean zu fühlen, der völlig ruhig und still ist und wo dieser Gedanke wie ein Fisch an der Oberfläche schwimmt. Dem Ozean ist das Kräuseln, das der Fisch verursacht, gleichgültig.

Weshalb werde ich ständig von Gedanken belästigt?
Sri Chinmoy: Du wirst deshalb ständig von Gedanken belästigt, weil du versuchst in deinem Verstand zu meditieren. Es ist die ureigenste Natur des Verstandes, Gedanken willkommen zu heißen, seien es gute Gedanken, schlechte Gedanken, göttliche Gedanken oder ungöttliche Gedanken. Wenn du versuchst den Verstand mit deinem menschlichen Willen zu beherrschen, dann ist es, als wenn du ein Äffchen oder eine Fliege bitten würdest, dich nicht zu belästigen. Es liegt in der Natur eines Äffchens zu beißen und zu kneifen und es liegt in der Natur einer Fliege, Leute zu belästigen. Der Verstand braucht eine höhere Kraft, um ruhig gehalten zu werden. Diese höhere Kraft ist die Kraft der Seele. Du musst das Licht der Seele aus dem Inneren deines Herzens zum Vorschein bringen. Du besitzt zwei Räume: den Herzensraum und den Verstandesraum. Im Augenblick ist der Verstandesraum dunkel, unerleuchtet und unrein; er wehrt sich dagegen, Licht hereinzulassen. Doch der Herzensraum ist immer offen für das Licht, denn in ihm wohnt die Seele. Wenn du dich statt auf den Verstand auf die Wirklichkeit in deinem Herzen konzentrierst und darauf meditieren kannst, dann wird diese Wirklichkeit zum Vorschein kommen. Wenn du dich die ganze Zeit im Verstandesraum aufhältst, mit der Hoffnung, dass er von innen her erleuchtet wird, dann verschwendest du deine Zeit. Um eine Kerze anzuzünden, muss ich eine Flamme verwenden, die bereits brennt, die bereits leuchtet. Glücklicherweise ist der Herzensraum bereits erleuchtet. Wenn du einmal im Herzen fest verankert bist, wenn du erfüllt bist vom Licht der Seele, kannst du in deinen Verstandesraum gehen und den Verstand erleuchten. Doch zuerst musst du das Licht der Seele hervorbringen, das im Herzen am kraftvollsten verfügbar ist. Das Licht der Seele wird den Verstand weder quälen noch bestrafen. Im Gegenteil, es wird sich wie eine liebevolle Mutter benehmen, die fühlt, dass die Unvollkommenheiten ihres Kindes ihre eigenen Unvollkommenheiten sind. Das Herz wird dem Verstand sein Licht geben und versuchen, die Natur des Verstandes zu verwandeln.

Während der Meditation versuche ich, meinen Verstand im Zaum zu halten, so dass er nicht ständig umherwandert. Doch ich habe sehr wenig Erfolg.
Sri Chinmoy: Du benutzt nicht die Fähigkeit deines Herzens; du benutzt nur die Kraft deines Verstandes. Wenn ich mich auf dich konzentriere, sehe ich sehr oft, dass sich dein Verstand wie ein Rad dreht. Wenn sich der Verstand dreht, dann ist es für den Supreme sehr schwierig, in deinem Verstand zu wirken. Doch wenn dein Herz auch nur eine Sekunde lang strebt, dann öffnet der Supreme die Türe und kommt herein. Fühle bitte von nun an, dass du überhaupt keinen Verstand besitzt. Wenn du fühlst, dass du keinen Verstand hast, dann bist du noch lange kein Wilder oder ein Tier. Nein! Der menschliche Verstand ist nicht notwendig, denn du hast ein höheres Instrument: das Herz. Auch wenn du nicht betest oder meditierst, wird sich dein Bewusstsein heben, wenn du fünf Minuten lang in deinem Herzen bleiben kannst. Das Herz ist wie ein Brunnen von Frieden, Freude und Liebe. Du kannst am Rande des Brunnens sitzen und dich an ihm erfreuen. Es ist nicht nötig, für dieses und jenes zu Gott zu beten, denn Du wirst von diesem Brunnen alles bekommen, was du möchtest, und unendlich viel mehr. Doch du wirst es auf Gottes eigene Weise erhalten. Wenn du Gott gefällst, indem du immer in der Gegenwart dieses Brunnens bleibst, dann werden sich deine Wünsche auf eine höchst lichtvolle Weise erfüllen. Vielleicht sind es dieselben Wünsche, die du immer gehegt hast, doch sie werden auf einem sehr hohen Niveau von großer Helligkeit berührt. Bevor Er sie erfüllt, wird der Supreme jeden dieser Wünsche durch Sein Licht in spirituelles Streben umwandeln.

Ist es besser, während der Meditation ein Geräusch in die Meditation einzubeziehen, oder sollte man versuchen, sich diesem zu verschließen und mit der Meditation fortzufahren?
Sri Chinmoy: Jeder Sucher muss das Niveau seiner Meditation selbst kennen. Wenn du am Anfang stehst, dann solltest du alles, was nicht zur Meditation gehört, als einen Eindringling betrachten, und du solltest keinem Eindringling erlauben, in dich einzutreten und dich zu stören. Wenn du jedoch weit fortgeschritten bist und während deiner Meditation irgendeinen störenden Lärm oder ein störendes Geräusch hörst, dann kannst du tief in dieses Geräusch eindringen und versuchen, es zu assimilieren. Wenn du die Fähigkeit hast, dann kannst du in deinem eigenen Bewusstsein den Angriff eines mächtigen und herausfordernden fremden Elements in innere Musik verwandeln, die dir bei deiner Meditation wirklich helfen wird.

Wenn während der Meditation in unserem Verstand eine Inspiration auftaucht, sollten wir dieser Inspiration folgen oder sollten wir im Herzen bleiben?
Sri Chinmoy: Sobald du eine positive Idee erhältst, solltest du diese Idee als einen Segen des Supreme betrachten. Doch du solltest darauf achten, welcher Art diese Inspiration ist. Wenn es eine lichtvolle Inspiration ist, dann solltest du ihr folgen. Wenn es eine kreative Inspiration ist und du etwas wirklich Gutes tun willst, folge ihr. Du solltest allen kreativen Gedanken, allem, was dir ein höheres Ziel schenkt, folgen. Wenn eine bestimmte Inspiration etwas Neues in dein Leben bringt und dein Leben verwandeln kann, dann solltest du dieser Inspiration folgen. Du glaubst vielleicht, Inspiration gebe es nur im Verstand, während es inneres Streben nur im Herzen gebe. Doch inneres Streben kann auch im Verstand sein, und Inspiration kann auch im Herzen sein. Inspiration kann zum inneren Streben kommen und umgekehrt. Doch es muss eine sehr hohe Art von Inspiration sein, sonst hilft sie dir überhaupt nicht. Wenn du bei deiner Meditation daran denkst, köstliche Kekse zu backen, ist diese Art der Inspiration verschwendete Zeit. Wenn es eine lichtvolle Inspiration ist, dann betrachte diese schöpferischen Ideen als deinen eigenen Fortschritt. Wenn du diese schöpferischen Ideen erhältst, dann solltest du wissen, dass sie Schöpfungen aus anderen Welten sind, die sich auf der physischen Ebene manifestieren möchten. Wenn die Meditation vorbei ist, solltest du diese Ideen aufschreiben. Danach kannst du an ihnen arbeiten.

Ist es falsch, während der Meditation etwas Bestimmtes zu erwarten?
Sri Chinmoy: Versuche während der Meditation einfach, deine innere und äußere Existenz in den Supreme zu werfen. Du brauchst an nichts zu denken; wirf dich einfach in das Meer von Licht, Frieden, Wonne und Kraft. Erwarte jedoch keine bestimmte göttliche Qualität oder ein bestimmtes Ergebnis, da du dich selbst und Gott damit bindest. Der Grund dafür liegt darin, dass die menschliche Erwartung sehr begrenzt ist. Wenn du etwas erwartest, dann ist sofort der menschliche Verstand tätig und deine Empfänglichkeit wird sehr begrenzt. Wenn du jedoch nichts erwartest, dann wird das Problem der Empfänglichkeit Gottes Problem. Es ist dann Seine Aufgabe, dir alles, was Er hat, in grenzenlosem Maße zu geben und gleichzeitig Empfänglichkeit in dir zu schaffen, damit du empfangen kannst, was Er dir anbietet. Die höchste Art der Meditation erfolgt in Stille, mit dem einen Ziel: Gott auf Gottes eigene Weise zu gefallen. Wenn du meditieren und fühlen kannst, dass du Gott auf Gottes eigene Weise zufriedenstellst, dann ist dies die beste Art der Meditation. Wenn du jedoch meditierst, um Freude zu bekommen, wirst du auch Freude bekommen; doch sie wird nicht grenzenlos sein, da du Gott, deinen ewigen Geliebten, nicht auf Seine eigene Weise zufriedengestellt hast. Was Jesus Christus sagte, ist die allerhöchste Wahrheit: "Lass Deinen Willen geschehen." Wenn du, bevor du meditierst, das Ergebnis deiner Meditation deinem Ursprung darbringen kannst und sagst: "Ich möchte Dein vollkommenes Instrument werden, so dass Du Dich in mir und durch mich auf Deine eigene Weise erfüllen kannst," dann ist dies die höchste, vollkommen höchste Art der Meditation.

Ich möchte gerne wissen, wie man während der Meditation das spirituelle Herz erreichen kann.
Sri Chinmoy: Das spirituelle Herz befindet sich inmitten deiner Brust. Wenn du intensiv strebst, kannst du das spirituelle Herz spüren, und du kannst es auch mit dem dritten Auge sehen. Wenn du es schwierig findest, auf das spirituelle Herz zu meditieren, dann kannst du dich auf das physische Herz in der Brust konzentrieren. Doch nachdem du dort ein paar Monate lang oder ein Jahr lang meditiert hast, wirst du spüren, dass innerhalb des gewöhnlichen menschlichen Herzens ein göttliches Herz existiert, und dass sich in diesem göttlichen Herzen die Seele befindet. Wenn du das spürst, dann beginnst du, auf das spirituelle Herz zu meditieren. Um das spirituelle Herz zu erreichen, musst du fühlen, dass du keinen Verstand hast, keine Arme, keine Beine; du hast nur das Herz. Dann musst du fühlen, dass du nicht das Herz hast, sondern dass du das Herz bist. Wenn du fühlen kannst, dass du das Herz bist und nichts anderes, dann wirst du dein spirituelles Herz während deiner Meditation leicht erreichen können.

Ich finde es sehr schwierig, den Verstand zu verlassen und in das Herz einzudringen. Was soll ich tun?
Sri Chinmoy: Wirf deinen Verstand einfach ins Herz. Du denkst vielleicht: "Wie kann ich existieren, wenn ich meinen Verstand wegwerfe? Ich werde ja zu einem Idioten!" Doch der Verstand, den du brauchst, um mit den Leuten zu sprechen, der Verstand, den du brauchst, um Informationen zu erwerben, der Verstand, den du brauchst, um auf der Erde zu existieren, kann dich auch nicht einen Millimeter näher zur Gottverwirklichung bringen. Dieser Verstand ist lahm. Er ist blind. Er ist taub. Versuche einfach zu fühlen, dass deine gesamte Existenz, von den Fußsohlen bis zum Scheitel, die Seele ist. Wiederhole seelenvoll: "Ich bin die Seele, ich bin die Seele." Wenn du dies fünf Minuten lang seelenvoll wiederholen kannst, dann wird der Widerstand des physischen Verstandes schwinden, und für dich wird nur noch die Seele existieren. Wenn du einmal in der Seele lebst und das Licht der Seele zum Vorschein bringst, wird dieses Licht den physischen Verstand in eine höhere Ebene hinaufbringen oder Frieden von oben herabbringen. In beiden Fällen wird der physische Verstand, so wie du ihn kennst, transformiert werden, und du wirst keine Schwierigkeiten mehr haben.

Wenn ich meditiere, fällt es mir manchmal schwer zu unterscheiden, ob ich wirklich mein Herz spüre oder ob ich meinen Verstand erfahre.
Sri Chinmoy: Wenn es wirklich dein Herz ist, wirst du ein Gefühl reiner Erfüllung erhalten. Wenn es der Verstand ist, wirst du vielleicht auch zufrieden sein, doch gleichzeitig werden sich auch Zweifel einstellen. Deine Erfahrung wird von anderen Gedanken angegriffen: "Ich bin so schlecht, so unrein, so unwissend. Heute morgen habe ich eine Lüge erzählt, und auch gestern habe ich etwas Schlechtes getan; wie kann ich dann eine solche Erfahrung haben?" Wenn solche Gedanken kommen, weißt du, dass diese Erfahrung vom Verstand kommt. Wenn du mit dem Verstand eine Erfahrung machst, fühlst du dich vielleicht eine Zeit lang sehr glücklich. Doch die Freude wird nicht anhalten, denn du wirst dich mit dem, was der Verstand gesehen, gefühlt oder erkannt hat, nicht identifizieren können. Wenn du aber eine Erfahrung vom Herzen erhältst, wirst du unmittelbar dein Einssein mit ihr spüren, und deine Freude wird von Dauer sein. Wenn du eine Blume mit deinem Verstand siehst, dann schätzt und bewunderst du sie. Doch wenn du die Blume mit deinem Herzen siehst, dann fühlst du sofort, dass dein Herz in der Blume ist oder dass die Blume in deinem Herzen ist. Wenn du also eine Erfahrung hast und mit dieser Erfahrung eins bist, dann weißt du, dass sie vom Herzen kommt. Wenn du jedoch das Gefühl hast, die Erfahrung sei etwas, das du in der äußeren Welt erreichst, dann kommt sie vom Verstand.

Was ist der Unterschied zwischen einer hohen und einer tiefen Meditation?
Sri Chinmoy: Es gibt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten der Meditation, obwohl letztlich Höhe und Tiefe eins werden. Wenn wir in der Meditation in die Tiefe gehen wollen, müssen wir unsere Reise von unserem spirituellen Herzen aus beginnen. Wir sollten fühlen, dass wir uns tief in unser Herz graben oder tief hineinreisen. Wir reisen nach innen, nicht nach hinten oder nach unten zu den Füßen. Unterhalb der Knie beginnt die Ebene des Unbewussten. Wenn wir fühlen, dass wir nach unten gehen, dann erhalten wir keine spirituelle Tiefgründigkeit, sondern dringen nur in die unteren Ebenen des Bewusstseins ein. Das spirituelle Herz ist unendlich weit; wir können deshalb unbegrenzt tief gehen. Wir können niemals die Grenzen des spirituellen Herzens berühren, denn das spirituelle Herz birgt das weite Universum, das wir sehen, in sich, und ist gleichzeitig weiter und größer als das Universum. Wenn wir in der Meditation nach Höhe streben, dann müssen wir fühlen, dass wir in unserer Meditation aufwärts gehen. Unsere Strebsamkeit steigt furchtlos zum Höchsten hinauf. Wir müssen durch den tausendblättrigen Lotus am Scheitel unseres Kopfes hindurchgehen. Auch hier ist die Entfernung unendlich weit. Es gibt kein Ende auf unserer Reise nach oben, denn wir reisen in die Unendlichkeit. Wir klettern ins ewig sich transzendierende Jenseits. Ob wir nach innen gehen oder ob wir aufwärts gehen - von der Entfernung her gesehen sind beides unendliche Reisen zum selben Ziel: Gott. Wenn wir jedoch den Verstand gebrauchen, können wir nicht sehr hoch gehen. Wir müssen durch den Verstand hindurch, über den Verstand hinaus und in den Bereich des spirituellen Herzens gehen. Der Bereich des spirituellen Herzens ist unendlich viel höher und weiter als der Bereich des höchsten Verstandes. Das Herz ist in allen Richtungen grenzenlos; im Herzen ist sowohl die höchste Höhe als auch die tiefste Tiefe. Je höher wir gehen können, desto tiefer können wir gehen. Und je tiefer wir gehen können, desto höher können wir gehen. Es geschieht gleichzeitig. Wenn wir sehr kraftvoll meditieren können, werden wir unweigerlich spüren, dass wir sowohl sehr hoch als auch sehr tief gehen. Höhe und Tiefe gehen einher, bewegen sich jedoch in zwei verschiedenen Dimensionen. Doch wenn jemand in seiner Meditation sehr hoch gehen kann, dann hat er auch die Fähigkeit, sehr tief zu gehen. Bevor wir das Höchste verwirklichen, glauben wir, es gebe einen Unterschied zwischen Höhe und Tiefe. Wenn wir hinaufsteigen, fühlen wir, dass wir eine gewisse Höhe erreicht haben, und wenn wir tief in uns hineintauchen, fühlen wir, dass wir eine gewisse Tiefe erreicht haben. Doch Höhe und Tiefe sind alles nur intellektuelle Begriffe. Wenn wir einmal über die Schranken des Verstandes hinausgehen und in das universelle Bewusstsein eintreten, dann sehen wir, dass alles eins und untrennbar ist. Dann singt und tanzt nur noch die Wirklichkeit in uns und wir werden zur Wirklichkeit selbst. Die Wirklichkeit hat weder Höhe noch Tiefe noch Weite. Sie ist eins und gleichzeitig transzendiert sie ständig ihre eigenen Grenzen.

Was geschieht, wenn ich auf das Nabelzentrum meditiere?
Sri Chinmoy: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt deiner spirituellen Entwicklung ist es für dich nicht ratsam, auf das Nabelzentrum zu meditieren. Es ist das Zentrum der Dynamik, der Stärke und der Kraft. Wenn du diese Energie missbrauchst, wird sie zu brutaler Aggression. Das Nabelzentrum ist zugleich das emotionale Zentrum. Mit dieser Emotion kannst du dich selbst ausdehnen und zum Unendlichen werden. Du kannst aber andererseits auch ein Opfer irdischer Genüsse werden, wenn du in deinem Wesen nicht genügend Reinheit besitzt. Du solltest auf das Herzzentrum meditieren, um Friede, Liebe und Freude zu erhalten. Wenn du diese Eigenschaften hast, wirst du fühlen, dass Friede selbst Kraft ist, dass Liebe selbst Kraft ist und dass Freude selbst Kraft ist.

Welche Beziehung besteht zwischen dem dritten Auge und dem Herzzentrum?
Sri Chinmoy: Sagen wir einmal, das Herz sei Bewusstsein und das dritte Auge sei Licht, obwohl es eigentlich zwischen den beiden keinen Unterschied gibt. Das dritte Auge hat unendliches Licht und ist gleichzeitig unendliches Licht. Das spirituelle Herz besitzt unendliches Bewusstsein. Unendliches Licht und unendliches Bewusstsein sind ein und dasselbe. In diesem Augenblick ist das unendliche Licht - das ich "drittes Auge" nenne - ein Gebäude, in dem das Herz wohnt. Doch im nächsten Augenblick kann das unendliche Bewusstsein - das ich "Herz" nenne - zum Gebäude und das dritte Auge zum Bewohner werden. Sie wechseln ständig, da sie nicht wirklich getrennt sind. Manchmal sehen wir Licht, bevor wir Bewusstsein sehen, während wir ein andermal Bewusstsein sehen, bevor wir Licht sehen. Was immer du zuerst siehst, ist für dich die Quelle des anderen. Doch mit der Zeit wirst du erkennen, dass Licht und Bewusstsein untrennbar sind. Das Herz verkörpert gewöhnlich Süße und Liebe, während das dritte Auge Kraft und Erleuchtungs-Licht verkörpert. Wer jedoch weise ist, wird fühlen, dass das dritte Auge auch das Herz ist, denn was ist das Herz anderes als das, was uns Erfüllung schenkt? Und was schenkt uns Erfüllung? Nur Licht! Wenn uns also das Licht des dritten Auges Erfüllung schenkt, dann handelt es sich um eine ganz natürliche Eigenschaft des Herzens. Und was gibt uns ständige Weisheit? Weisheit entsteht nur dann, wenn wir tief in den innersten Winkeln unseres Herzens sind, wo Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit miteinander spielen. Unendlichkeit als ganz unser eigen zu besitzen, unendliches Licht und Glückseligkeit ewig als unser eigen zu besitzen: das ist wirkliche Weisheit. Wir können also sagen, dass Weisheit vom Herzen kommt.

Ist es wünschenswert, in der Meditation das dritte Auge zu öffnen?
Sri Chinmoy: Das innere Auge sollte nur dann geöffnet werden, wenn man die innere Reinheit und Reife besitzt, und wenn einen weder die Vergangenheit noch die Zukunft aus der Ruhe bringen kann. Häufig ist das Gefäß nicht bereit; doch durch seine eiserne Entschlossenheit gelingt es dem Sucher manchmal, das dritte Auge zu öffnen. Das Ergebnis ist dann meist sehr entmutigend und schädlich. Stell dir vor, dein drittes Auge öffnet sich zur falschen Zeit, und du bist spirituell nicht reif dafür. Wenn du mit deinem dritten Auge siehst, dass deine Mutter morgen sterben wird, dann wirst du vor lauter Kummer und Bedrücktheit heute schon selbst sterben. Und wenn du gewisser unglücklicher Vorfälle gewahr wirst, die sich in deiner Vergangenheit ereignet haben, wirst du völlig niedergeschlagen sein und allen Mut verlieren, weiterzugehen. Es gibt zwar Leute, die dieses Zentrum zwischen den Augenbrauen geöffnet haben, ohne dass sie das Herzzentrum bereits offen hatten, und die dank der Gnade Gottes keine sogenannten Fehler gemacht haben. Doch meistens wird der Sucher gnadenloser Versuchung zum Opfer fallen, wenn er das dritte Auge öffnet, bevor das Herzzentrum offen und der emotionale Teil seiner Natur völlig gereinigt ist. Er wird versuchen, innerlich etwas zu sehen und sofort alles weitererzählen, oder er wird in jemanden eindringen, um zu sehen, was sich in diesem Menschen abspielt. Es gibt tausend Dinge, die den Sucher mit der Zeit weit, weit weg vom Pfad der Spiritualität führen können. Vor allem für Anfänger ist es immer ratsam, auf das Herzzentrum zu meditieren. Auch wenn du weit fortgeschritten bist, solltest du im Herzen meditieren, denn im Herzzentrum erfährst du Freude und wirst völlig Teil von dem, auf das du meditierst. Wenn du dich auf das dritte Auge konzentrierst, hast du nicht unbedingt ein Gefühl des Einsseins. Du siehst vielleicht Licht, doch du wirst nicht das Gefühl haben, es gehöre dir. Du denkst vielleicht, es sei gar kein Licht, sondern alles nur Einbildung und Halluzination gewesen. Es können sich Zweifel in deinem Verstand breit machen. Doch wenn du das Herz gebrauchst, wirst du unmittelbar fühlen, dass die Freude, die du spürst, dir gehört, der Friede, den du fühlst, dir gehört; alles, was du fühlst, wird dein Eigentum. Das ist die Fähigkeit des Herzens, eins zu sein.

Ich muss mich beim Meditieren so stark konzentrieren, damit mein Verstand ruhig ist, dass ich mit meinem inneren Selbst gar nicht in Kontakt kommen kann.
Sri Chinmoy: Du weißt es zwar nicht, doch du tust genau das Richtige. Wenn du versuchst, deinen Verstand ruhig und still zu machen, dann konzentrierst du dich. In der Konzentration versuchst du, deine Gedanken und Emotionen zu kontrollieren. Konzentration muss den Weg für die Meditation ebnen. Um meditieren zu können, musst du dein emotionales Leben und deinen rastlosen Verstand bereits bis zu einem gewissen Grad diszipliniert haben. Wenn es dir gelingt, alle Gedanken zu vertreiben, die deinen Verstand stören, dann wird das innere Selbst früher oder später hervortreten und unmittelbar vor dir erscheinen. Es wird dir vorkommen, als ob die strahlende Sonne durch den wolkenbedeckten Himmel bricht. Im Augenblick ist die innere Sonne von Wolken umhüllt: Gedanken, Ideen, Zweifel, Ängste und anderes mehr. Wenn du diese Wolken verjagen kannst, wirst du sehen, dass dein inneres Selbst leuchtend, hell und strahlend vor dir erscheint.

Woher weiß man, ob man sich konzentriert oder ob man meditiert?
Sri Chinmoy: In der Konzentration liegt große Intensität. Es ist, wie wenn ein Pfeil in sein Ziel eindringt. Wenn du fühlst, dass du von einer starken Kraft Energie erhältst, dann ist dies das Ergebnis deiner Konzentration. Doch in der Meditation spüren wir überall Frieden, vor allem im Verstand. Wenn du tief in dir ein riesiges Meer voller Frieden, Licht und Wonne spürst, dann kommt das von deiner Meditation. Meditation ist Friede, Ausgeglichenheit und Weite. Intensität ist ebenfalls vorhanden, doch die Intensität ist von Lichtfülle überflutet. In der Konzentration ist sie nicht unbedingt vorhanden, und wenn, dann ist es oft nicht die höchste Art der Lichtfülle. Konzentration will auch immer unmittelbare Ergebnisse. Sie ist bereit, alles zu tun, um ihr Ziel um alles in der Welt zu erreichen. Meditation fühlt, dass ihr die unendliche Zeit zur Verfügung steht. Das bedeutet nicht, dass die Meditation die fließende Zeit vernachlässigt. Nein! Sie schätzt die fließende Zeit, doch in der fließenden Zeit sieht sie endlose Zeit. Deshalb verbirgt sich in der Meditation unendlicher Friede. Gib keiner Erfahrung irgendeinen Vorzug. Wenn sich der Supreme in dir und durch dich konzentrieren möchte, dann wirst du es Ihm erlauben. Wenn Er jedoch in dir und durch dich meditieren möchte, dann wirst du es Ihm ebenfalls erlauben.

Wenn wir einmal gelernt haben, wie man meditiert, sollten wir dann keine Konzentrationsübungen mehr machen?
Sri Chinmoy: Als allgemeine Regel sollten Sucher, die eben erst das spirituelle Leben begonnen haben, mindestens ein paar Monate lang Konzentrationsübungen machen. Wenn du einmal gelernt hast, dich zu konzentrieren, dann wird die Meditation leicht. Doch selbst wenn du meditieren kannst, ist es gut, sich vor der täglichen Meditation ein paar Minuten zu konzentrieren. Wenn du dich konzentrierst, bist du wie ein Sprinter, der erst einmal die Startbahn von Hindernissen befreit, bevor er zu laufen beginnt. Sobald die Bahn frei ist, kannst du sehr schnell laufen. Dann wirst du zu einem inneren Schnellzug, der erst an der Endstation anhält.

Wie verhält es sich mit der Kontemplation, nachdem wir unsere Meditation beendet haben?
Sri Chinmoy: Kontemplation kommt erst nach vielen Jahren, wenn man im spirituellen Leben bereits sehr weit fortgeschritten ist. Kontemplation ist die höchste Sprosse der Leiter. Nur sehr wenige spirituell strebende Menschen haben die Fähigkeit, auch nur begrenzt zu kontemplieren, und sie können es gewiss nicht zu jeder beliebigen Zeit tun. Kontemplation ist erforderlich, um Gott zu verwirklichen. Man darf sie deshalb nicht ignorieren oder umgehen. Doch in deinem Fall besteht noch keine Notwendigkeit zur Kontemplation, denn deine Konzentration und deine Meditation sind noch nicht vollkommen. Sobald deine Konzentration vollkommen ist, sobald deine Meditation vollkommen ist, wirst du auch deine Kontemplation vervollkommnen müssen. Dann wirst du wirklich fähig sein, in das Höchste zu gehen.

Ich möchte gerne wissen, ob ich dafür beten soll, wenn ich etwas möchte, oder ob ich nur dafür beten soll, dass Gottes Wille geschieht?
Sri Chinmoy: Dafür zu beten, dass Gottes Wille geschieht, ist die höchste Form des Gebetes. Aber für einen Anfänger ist es fast unmöglich, aufrichtig zu Gott zu beten, Er möge ihn auf Seine eigene Weise erfüllen. Für einen Sucher, der gerade beginnt, ist es deshalb ratsam, Gott um das zu bitten, von dem er gerade fühlt, dass er es im Moment am meisten benötigt, sei es nun Geduld, Reinheit, Aufrichtigkeit, Demut, Frieden etc. Dann wird Gott dem Sucher ein wenig Frieden, Licht und Wonne geben, welche die Vorboten von etwas Unendlichem sind, das in sein inneres Wesen herabkommen wird. Wenn der Sucher ein wenig Frieden, Licht und Wonne erhalten hat und diese in seinem inneren Wesen einigermaßen gefestigt sind, wird er beträchtliches Vertrauen in die Handlungsweise Gottes und ebenso in sein eigenes Strebsamkeitsleben haben. Wenn jemand sehr schnell Fortschritt macht oder ein wenig fortgeschritten ist, fühlt er, dass es eine gewisse Wirklichkeit in ihm gibt und dass ihn diese Wirklichkeit nicht enttäuschen oder verlassen wird. Dann fühlt er, dass Gott dessen vollkommen gewahr ist, was er unbedingt braucht und mehr als bereit ist, ihn mit diesen Dingen zu versorgen. Wenn ein Sucher diese Art von Vertrauen in sich spürt, ist die Zeit gekommen, um zu beten: "Lass Deinen Willen geschehen." Zu diesem Zeitpunkt kann er aufrichtig sagen: "Gott, ich möchte Dich nur auf Deine eigene Weise zufriedenstellen."

Wie können wir am wirkungsvollsten beten?
Sri Chinmoy: Um besonders wirkungsvoll zu beten, sollte dein Gebet unhörbar sein. Du kannst jedoch einen Satz aus einigen Worten formen, um deinen strebenden Verstand zu überzeugen. Das Herz strebt bereits, aber der Verstand muss noch streben. Es ist deshalb für das Gebet besser, die Form von Worten anzunehmen. Du kannst den Satz formen, indem du ihn auf die Tafel deines Herzens schreibst. Versuche dann, ihn dort zu sehen. Sobald die Worte geschrieben sind, kannst du viele Male zurückkehren, um sie zu sehen. Wenn du den Satz wiederholen willst, ist es gut, doch ist es nicht notwendig. Wenn du dein Gebet wiederholen willst, hast du die Wahl. Entweder schreibst du es einmal auf die Tafel deines Herzens und liest es immer wieder, oder du schreibst fortlaufend das gleiche Gebet - was immer dir mehr Freude schenkt.

Wie können wir am intensivsten beten?
Sri Chinmoy: Du kannst am intensivsten beten, wenn du dein Dankbarkeitsherz benutzt. Während du betest, solltest du fühlen, dass dein Gebet vom Herzen kommt. Du musst das Gebet mit deiner Dankbarkeit nähren. Wenn du das Gebet nicht mit deinem Dankbarkeitsherzen nährst, wird es nicht intensiv sein. Nichts Göttliches wird intensiv sein, solange man dem Supreme nicht dankbar ist. Dein Dankbarkeitsherz muss deinen inneren Schrei jeden Augenblick nähren. Dies wird dein Gebet, deine Strebsamkeit, deine Ergebenheit und all deine spirituellen Eigenschaften intensivieren.

Wie kann man am besten für andere beten?
Sri Chinmoy: Am besten betet man für andere, indem man vor dem Beten erst einmal die Gegenwart des Supreme anruft. Wenn du Ihn anrufst, wird Er zweifellos in Seiner subtilen Form kommen. Du wirst Ihn nicht in einem menschlichen Körper sehen, doch du wirst Seine Anwesenheit fühlen. Versuche in der Anwesenheit Gottes den Menschen, für den du betest, zu sehen und zu fühlen. Wenn du die Anwesenheit des Supreme anrufen kannst und in Seiner Anwesenheit die Menschen fühlst, für die du betest, dann wird dies die wirksamste Weise sein, wie du ihnen durch dein Gebet helfen kannst. Doch bevor du den Supreme durch dein Gebet bittest, jemandem zu helfen, frage Ihn erst, ob du für diesen Menschen beten sollst. Du solltest es nur dann tun, wenn du eine innere Weisung oder ein inneres Gefühl erhältst, dass du für diesen bestimmten Menschen beten sollst. Angenommen, jemand ist sehr krank und du möchtest zu Gott beten, dass Er ihn heilt. Wir müssen uns bewusst sein, dass Gott vielleicht möchte, dass er diese Erfahrung für seine innere Entwicklung jetzt gerade macht. Man muss wissen, dass Gott unendlich viel mehr Liebe für den betreffenden Menschen hat, als wir oder sonst jemand je haben kann. Wenn wir Gott bitten, ihn zu heilen, dann stehen wir Gott möglicherweise nur im Weg. Wenn wir hingegen für das Einssein mit Gottes Willen beten, dann sagt Gott vielleicht: "Du bist mit Meinem Willen eins geworden. Nun werde Ich glücklich sein, wenn du Mich bittest, den betreffenden Menschen zu heilen."

Betest du manchmal?
Sri Chinmoy: Um ganz ehrlich zu sein, ich bete nicht und ich muss auch nicht meditieren, obgleich ich meditiere. Nachdem man die höchste Wahrheit verwirklicht hat und bewusst mit dem Supreme eins geworden ist, muss man weder beten noch meditieren. Aber ich habe eine ganze Reihe von Schülern; darum meditiere ich für sie, wie ich es vor mehr als zwanzig Jahren für mich selbst getan habe. Wenn ich meditiere, dann ist das auch gleichzeitig Gebet. Denn wenn ich versuche, ihnen bei ihrem spirituellen Erwachen zu helfen, rufe ich den Supreme um Seinen unendlichen Segen, Sein Licht und Sein Mitleid an, um es ihnen zu geben.

Du sagst, dass wir unsere Reinheit vergrößern können, indem wir fünfhundertmal am Tag Aum wiederholen. Es fällt mir äußerst schwer, Aum fünfhundertmal zu wiederholen. Kannst du mir sagen, was ich machen soll?
Sri Chinmoy: Wenn es dir sehr schwerfällt, auf ein einziges Mal Aum so oft zu wiederholen, dann kannst du es auf mehrere Male aufteilen. Du kannst Aum zu zehn verschiedenen Zeiten jeweils fünfzigmal wiederholen. Sagen wir, du möchtest während des Tages zehn Gläser Wasser trinken. Wenn du versuchst, alle zehn Gläser Wasser auf einmal zu trinken, wirst du es nicht schaffen. So trinkst du jetzt ein Glas und nach ein oder zwei Stunden je ein weiteres. Auf diese Weise schaffst du es leicht, zehn Gläser Wasser zu trinken. Anstatt Aum fünfhundertmal im Ganzen zu wiederholen, kannst du es früh am Morgen fünfzigmal wiederholen und dann im Abstand von einer Stunde jeweils weitere fünfzigmal. Es kostet dich nicht mehr als ein bis zwei Minuten, wenn du Aum jede Stunde fünfzig Mal wiederholst. Da du Gott mit Leichtigkeit jede Stunde zwei Minuten geben kannst, kannst du dein Japa auf diese Weise durchführen.
Musik und Meditation: Klang und Stille
Kann gewisse Musik auch bewirken, dass wir uns schlecht fühlen und sich unsere spirituelle Verfassung verändert?
Sri Chinmoy: Ja. Es gibt wirklich Musik, die für unser inneres Wesen schädlich ist. Diese Musik kommt vom Grob-Physischen oder vom niederen Vitalen. Ungöttliche Musik versucht, unser niederes vitales Bewusstsein zu erwecken und uns in eine Welt der Erregung zu werfen. Eine spirituelle Person wird von dieser Musik sofort angegriffen. Musik besitzt eine enorme Kraft. Mit Feuer können wir uns verbrennen, wir können aber auch damit kochen und viele nützliche Dinge tun. Mit der Musik verhält es sich genauso. Göttliche Musik erhebt unser Bewusstsein sofort, während ungöttliche Musik unser Bewusstsein sofort sinken lässt und versucht, unseren aufrichtigen inneren Schrei nach einem besseren spirituellen Leben zu zerstören. Vitale Musik senkt unser Bewusstsein. Wir erhalten nur für einige Minuten oder Stunden eine Art Vergnügen, doch dann bringt uns dieses Vergnügen in ein niederes vitales Bewusstsein, wo die Versuchung bedrohlich näherrückt. Von der Welt der Versuchung treten wir in die Welt der Frustration ein, und von dort gehen wir in die Welt der Zerstörung. Wir wissen alle, dass die vitale Musik in der ganzen Welt hoch geschätzt wird. An psychischer Musik finden nicht allzuviele Leute Gefallen, und nur sehr wenige Menschen sind für die Musik der Seele aufgeschlossen. Sie fühlen, dass sie wie ein Fremdling ist, der in ihr Bewusstsein eintritt. Dies geschieht, weil spirituelle Musik den ewigen Bewohner - die Seele - erweckt, die tief im Innern darauf wartet, zum Vorschein zu kommen.

Kann uns Musik im spirituellen Leben helfen?
Sri Chinmoy: Sicher kann uns Musik im spirituellen Leben helfen. Das spirituelle Leben und Musik sind wie Zwillingsbrüder. Wir können sie nicht trennen. Wie können wir zwei Finger oder zwei Augen voneinander trennen? Sie leben Seite an Seite. Wenn ein Auge nicht richtig funktioniert, fühlen wir, dass unsere Sehkraft unvollkommen ist. Das spirituelle Leben und Musik können leicht Hand in Hand gehen; das eine ergänzt das andere. Musik hilft dem spirituellen Sucher, tief nach innen zu gehen und die größte Zufriedenheit vom Leben, von der Wahrheit und der Wirklichkeit zu erhalten. Das spirituelle Leben wiederum hilft der Musik, ihre Fähigkeit und ihre Stärke, die das Licht der Seele sind, der gesamten Welt anzubieten.

Was bedeutet "seelenvoll" in Bezug auf Musik?
Sri Chinmoy: Was meinen wir mit seelenvoller Musik? Wenn du sagst, diese Musik verkörpere die Seele, dann möchte ich sagen, dass du hier einem Irrtum unterliegst. Du musst fühlen, dass seelenvolle Musik das Licht ist, das sich selbst auf eine göttliche Weise ausdrücken möchte. Genauso wie die Dunkelheit ihre Herrschaft auf der Erde manifestieren will, möchte das Licht ebenfalls seine Wirklichkeit und Göttlichkeit auf eine besondere Weise manifestieren. Licht ist die Seele von allem. Licht ist die Seele der Musik, die Seele der Liebe und die Seele der ganzen Kunst. Wenn Licht sich selbst in Form von Musik göttlich manifestiert, ist es die Musik der Seele. Seelenvolle Musik ist die Musik, die unser Bewusstsein unmittelbar zum Höchsten erhebt. Seelenvolle Musik bringt uns in die Welt der Strebsamkeit. Von der Strebsamkeit treten wir in die Welt der Verwirklichung ein, wo unsere innere Existenz von Licht und Wonne überflutet ist. Seelenvolle Musik ist die Musik, die unser Bewusstsein schließlich umwandeln möchte. Sie bringt uns in das universelle Bewusstsein und lässt uns fühlen, dass wir mit dem Höchsten, dem Tiefsten und dem Entferntesten in Einklang sind. Sie lässt uns auch fühlen, dass Gott selbst der Höchste Musiker ist. Wenn wir seelenvolle Musik spielen, erkennen wir, dass nicht wir die Musiker sind; wir sind nur Instrumente. Wir sind wie ein Klavier, eine Geige oder eine Gitarre, und Gott ist es, der ständig auf uns spielt. Wenn wir wirklich seelenvolle Musik spielen, werden wir fühlen, dass wir das Instrument sind und jemand anderer in und durch uns singt und spielt. Dieser Jemand ist unser innerer Pilot, der Supreme. Wenn wir seelenvolle Musik hören oder wenn wir selbst seelenvolle Musik spielen, klettert unsere innere Existenz unmittelbar hoch, höher, am höchsten. Sie klettert hinauf und dringt in das Jenseits ein, das ständig versucht, uns zu helfen, uns zu führen und uns in unser eigenes transzendentales Ebenbild, unsere wirkliche Göttlichkeit umzuformen. Wenn wir seelenvolle Musik hören oder ein seelenvolles Musikstück spielen, fühlen wir ein inneres freudiges Erbeben in unserem gesamten Dasein. Wir fühlen, dass uns von den Fußsohlen bis zum Scheitel unseres Kopfes ein Fluss von lichtvollem Bewusstsein durchströmt. Musik ist in unserem spirituellen Leben von größter Bedeutung. Sie kommt gleich nach tiefer Meditation oder tiefem Gebet. Meditation ist wie ein direkter Weg oder eine Abkürzung zu unserem Ziel. Musik ist eine Straße, die vollkommen klar ist; sie mag zwar etwas länger sein, doch sie ist ziemlich frei von Hindernissen. Wenn man seelenvolle Musik spielen oder hören kann, wächst die Kraft der eigenen Meditation. Musik, seelenvolle Musik, vergrößert unsere Strebsamkeit. Ähnlich ist es auch, wenn ein spiritueller Sucher Musiker werden möchte. Selbst wenn er keinen musikalischen Hintergrund hat, kann er ein guter Musiker werden, da Gebet und Meditation in sich alle Fähigkeiten enthalten. Du hast vielleicht niemals Musik studiert, doch wenn du seelenvoll betest und meditierst, wird in deinem Gebet und in deiner Meditation durch die Gnade des Supreme die Kraft der Musik entstehen.

Wie können wir wissen, ob die Musik spirituell ist und ob der Musiker strebt?
Sri Chinmoy: Ob der Musiker strebt oder nicht, ist nicht deine Angelegenheit. Das geht nur Gott etwas an. Jemand mag spirituell erscheinen, doch wenn seine Musik dein Bewusstsein sinken lässt, dann spielt er keine spirituelle Musik. Wenn du Musik hörst und dein Bewusstsein von ihr emporgehoben wird, dann weißt du, dass es spirituelle Musik ist. Manchmal strebt der Musiker und spielt gleichzeitig spirituelle Musik. In diesem Fall kannst du dich glücklich schätzen, da du Inspiration von der Musik und vom Musiker erhältst.

Wie kann man am besten mit seelenvoller Musik eins werden?
Sri Chinmoy: Der beste Weg, um mit seelenvoller Musik eins zu werden, ist folgender: Während du der Musik lauschst, musst du die feste innere Überzeugung haben, dass beim Einatmen dein Atem direkt in deine Seele fließt. Du solltest dabei fühlen, dass gleichzeitig mit dem Atem auch das universelle Bewusstsein, die göttliche Wirklichkeit und die göttliche Wahrheit in dich einströmen. Wenn du dann ausatmest, musst du fühlen, dass du die ganze Unwissenheit ausatmest, die deine Seele bedeckt. Fühle, dass die Schleier der Unwissenheit nun gelüftet sind und abgelegt wurden. Wenn du das fühlen und dir bewusst vorstellen kannst, dann ist das der beste Weg, sich mit seelenvoller Musik eins zu fühlen.
Empfänglichkeit: Sich dem Licht öffnen
Ich bin in der Meditation nicht so empfänglich, wie ich gerne sein würde. Warum?
Sri Chinmoy: Es geschieht manchmal, dass unsere Hingabe an Gott noch nicht vollständig ist. Manchmal widersetzt sich der Verstand, manchmal lehnt sich das Vitale auf, und manchmal widersetzt sich das Physische oder sogar das subtile Physische. Wenn ein solcher Widerstand auftritt, können die feindlichen Kräfte in uns eindringen. Dann verringert sich unsere Empfänglichkeit. Solange wir uns nicht völlig sicher sind, ob wir das Wunschleben oder das strebende Leben wollen, werden feindliche Kräfte zwischen unseren Wünschen und unserer Strebsamkeit stehen. Die feindlichen Kräfte liegen immer auf der Lauer; sie versuchen, unsere Strebsamkeit von unseren Wünschen zu trennen. Dann versuchen sie, unsere Wünsche zu stärken und unsere Strebsamkeit abzuwürgen. Das gelingt ihnen auch sehr oft. Doch ein spirituell wachsamer Mensch wird sich der Strebsamkeit bedienen und in die Begierden eindringen, um sie zu verwandeln. Wenn Begierde in die Strebsamkeit eintritt, dann wird die Strebsamkeit ruiniert. Wenn Strebsamkeit in die Begierde eintritt, dann wird die Begierde verwandelt. Es kann Zeiten geben, wo du nicht empfänglich bist, weil du zu sicher oder zu selbstzufrieden geworden bist. Du fühlst den inneren Schrei nicht, weil du mit deinen materiellen Besitztümern oder mit den Dingen, die du bereits in deinem inneren Leben erreicht hast, zufrieden bist. Du bist mit dem zufrieden, was du hast, weshalb solltest du nach mehr schreien? Sobald du dieses Gefühl der Selbstzufriedenheit hast, hört dein innerer Schrei auf, und deine Empfänglichkeit findet ein Ende.
Wie kann ich gut meditieren?
Ich finde, dass es mit meiner Meditation oft auf und ab geht. Ich hoffe immer, dass ich nicht wieder falle; dennoch geschieht das ständig.
Sri Chinmoy: Im spirituellen Leben erfährt jeder am Anfang Höhen und Tiefen. Wenn ein Kind laufen lernt, stolpert es zu Beginn und fällt immer wieder hin. Aber nach einer Weile lernt es, wie man richtig geht, und mit der Zeit kann es laufen. Schließlich kann es so schnell laufen, wie es seine Fähigkeit erlaubt. Ein kleines Kind kann jedoch nicht erwarten, dass es so schnell läuft wie sein Vater, da der Vater ganz andere Fähigkeiten hat. In deiner Meditation erfährst du Höhen und Tiefen. Wenn du oben bist, solltest du fühlen, dass du einen flüchtigen Eindruck deiner möglichen Fähigkeiten erhältst. Wenn du unten bist, solltest du einfach fühlen, dass dies nur eine zeitweilige Unfähigkeit ist. Du brauchst nicht entmutigt zu sein, wenn du jene siehst, die im spirituellen Leben fortgeschrittener sind und nun laufen können. Auch sie sind am Anfang gestolpert. Im Moment mag der Himmel voller Wolken sein, doch es wird auch wieder ein Tag kommen, an dem die Sonne wieder mit ihrer ganzen Kraft scheint. Wenn du schlimme Momente der Angst, des Zweifels oder eines Mangels an Strebsamkeit erfährst, dann solltest du fühlen, dass sie nicht für immer andauern. Wie ein Kind, das hingefallen ist, musst du versuchen, wieder aufzustehen. Eines Tages wirst du die Fähigkeit haben zu gehen, ohne hinzufallen, dann zu laufen und schließlich mit höchster Geschwindigkeit zu rennen.

Wenn man meditiert und innerlich Sehnsucht nach etwas hat, soll man sich bemühen, es zu erreichen, oder der Sache einfach ihren Lauf lassen?
Sri Chinmoy: Zu Beginn musst du eine persönliche Anstrengung unternehmen, später geschieht es spontan. Solange es nicht spontan geschieht, musst du persönliche Anstrengungen unternehmen. Wenn ein Sprinter ein Rennen beginnt, macht er mit seiner Hand ganz energische Bewegungen. Am Anfang bewegt er seine Arme und Hände bewusst ganz schnell. Er unternimmt große persönliche Anstrengungen. Aber nach fünfzig oder sechzig Metern, wenn er seine Spitzengeschwindigkeit erreicht hat, wird alles spontan. Dann muss er sich nicht mehr bemühen, um die Arme zu bewegen. Am Start musste er es jedoch tun. Man kann es auch mit dem Segeln in einem Boot vergleichen. Bevor du lossegelst, bewegst du dieses und befestigst jenes. Du musst zu Beginn alle möglichen Dinge erledigen. Während du dich bereit machst, wirst du sehr dynamisch. Aber das ist nur die Vorbereitung. Noch ist das Boot in Ufernähe. Nur wenn alles gut vorbereitet ist, kann das Boot später ohne ständige persönliche Anstrengung segeln. In deiner Meditation ist diese spontane Bewegung ein Akt der Gnade von oben. Wenn du aufrichtig bist, wirst du sagen, dass die Gnade Gottes schon ganz zu Beginn deiner Reise herabkam. Sonst wärst du niemals inspiriert gewesen, in das Boot zu steigen. Anfangs fühlst du, dass du größte persönliche Anstrengungen unternimmst. Es kommt jedoch eine Zeit, wo du erkennst, dass diese persönlichen Anstrengungen nichts anderes als Mitleid von oben waren. Warum stehst du früh am Morgen auf, um zu beten und zu meditieren, während sich deine Freunde noch dem Vergnügen der Lethargie hingeben? Nur weil Gottes Gnade auf dich herabgekommen ist. Je tiefer du gehst, desto klarer wird es, dass Gottes Gnade dir ermöglicht, durch persönliche Anstrengungen Fortschritt zu machen. Entweder ist Gott mit dir zufrieden, oder Er hilft dir aufgrund Seines unendlichen Mitleids. Eigene Anstrengungen sind am Anfang von größter Wichtigkeit, da wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht fühlen, dass Gott unser bedingungsloser Freund ist. Als menschliche Wesen sagen wir immer, wenn ich dir etwas gebe, dann wirst du mir etwas zurückgeben. Doch wenn ich dir nichts gebe, dann stehst du unter keiner Verpflichtung, mir etwas zu geben. Aber Gott ist nicht so. Gott gibt bedingungslos, ganz gleich, ob wir Ihn als unser eigen betrachten oder nicht. In diesem Moment kann ich zu Gott beten, dass Er mir meinen Wunsch erfüllt. Doch sobald Er meinen Wunsch erfüllt hat, werde ich sagen: "Oh, ich brauche Dich nicht. Ich will nicht Dein Kind sein." Aber Gott kann das nicht tun. Gott betrachtet uns immer als Sein eigen, egal, wie schlecht wir sind. Er sieht, dass Er uns in Hunderten, Tausenden oder Millionen von Jahren vollkommen machen wird. Ein Kind kann nach seinem eigenen Willen seine Eltern verlassen, aber können die Eltern das Kind verlassen? Unmöglich! Genauso kann ich mit Gott, meinem ewigen Vater, nichts mehr zu tun haben wollen, weil ich böse auf Ihn bin oder weil Er meine Wünsche nicht erfüllt hat. Er verstößt mich jedoch nie, da ich Sein Kind bin. Persönliche Anstrengung ist deshalb notwendig, weil wir nicht fühlen, dass Gott uns ständig liebt und uns bedingungslos segnet. Wenn wir einmal fühlen können, dass Er alles bedingungslos für uns tut, dann ist persönliche Anstrengung nicht mehr notwendig. Nur weil wir dieses Gefühl nicht haben, ist die sogenannte persönliche Bemühung außerordentlich wichtig. Aber wenn wir aufrichtig werden, wenn wir demütig werden und besonders, wenn wir rein werden, dann werden wir fühlen, dass es Gott ist, der uns inspiriert hat, unsere persönlichen Anstrengungen zu unternehmen. Deshalb steht der ganze Verdienst von Beginn an Gott zu. Am Anfang beanspruchen wir fünfzig Prozent des Verdienstes für uns, weil wir aufgestanden sind und gebetet und meditiert haben, und geben Gott fünfzig Prozent, weil Er unsere Gebete beantwortet und uns während der Meditation inspiriert hat. Doch wenn wir aufrichtig, ergeben und völlig rein sind, werden wir sagen, dass hundert Prozent Gottes Verdienst sind.

Manchmal döse ich während meiner Morgenmeditation - es ist kein tiefer Schlaf, nur ein Dösen. Ist das schlecht?
Sri Chinmoy: Es ist leider nicht gut. Es ist zwar kein Schlaf, doch völlig wach bist du auch nicht. Wenn du meditierst, musst du ganz dynamisch sein. Erlaube der Schläfrigkeit nicht, in dich einzudringen. Wenn du dich hinsetzt und meditieren willst, dann stelle dir vor, dass du ein Schlachtfeld betrittst, wo du gegen Unwissenheit, Unvollkommenheit und Tod kämpfen musst. Viele Sucher erhalten leider nicht soviel Inspiration, um genügend Energie zur Morgenmeditation aufzubringen. An gewissen Tagen erhalten sie die ganze Inspiration auf einmal; an anderen Tagen erhalten sie überhaupt keine Inspiration. Wenn das Feuer bereits in dir brennt, dann musst du nichts tun. Doch was tust du, wenn kein Feuer da ist? Am besten atmest du vor deiner Meditation ein paarmal tief ein. So lädst du deinen ganzen Körper mit neuer Energie auf. Diese dynamische Energie wird dir helfen, in die Meditation zu gehen. Nimm vor der Meditation, wenn möglich, ein wenig heißen Fruchtsaft oder heiße Milch zu dir.

Wie kann ich verhindern, dass ich beim Meditieren nach fünf Minuten einschlafe?
Sri Chinmoy: Versuche vor dem Meditieren zuerst ein paarmal tief einzuatmen. Versuche zu fühlen, dass mit jedem Atemzug ein Strom von Energie in dich einströmt. Anschließend versuche zu fühlen, dass du durch verschiedene Teile deines Körpers einatmest: durch deine Augen, deine Ohren, deine Stirn, deine Schultern, den Scheitel deines Kopfes und so weiter. Fühle, dass sich an all diesen Orten Türen befinden und dass du beim Einatmen diese Türen öffnest. Dann dringt vom universellen Bewusstsein her Energie in dich ein. Versuche danach, den Kraftaspekt des Supreme anzurufen. Rufe nicht nach Frieden oder Licht; versuche nur, göttliche Kraft von innen hervor- oder von oben herabzubringen. Diese göttliche Kraft wird dich fühlen lassen, dein Körper brenne vor Fieber, obwohl du äußerlich natürlich kein Fieber hast. Daraufhin wirst du dich sofort voller Energie fühlen. Du kannst dir auch einen blaugrünen Wald oder ein blaugrünes Feld vorstellen und dabei fühlen, dass du über dieses Feld oder durch diesen Wald gehst. Dann wirst du spüren, wie du von Energie erfüllt wirst, auch wenn du noch so müde bist. Du kannst dich auch so fest wie nur möglich kneifen und dir dabei vorstellen, dass jemand anderes dich kneift. Wenn du dich selbst kneifst, dann musst du dir vorstellen, dass es dein Bewusstsein ist, welches dein Unterbewusstsein kneift. Du musst fühlen, dass es eine dritte Person ist, die dich kneift. Du kannst auch den Namen des Supreme so schnell wie möglich wiederholen. Sei äußerst konzentriert und schau, wieviele Male du das Wort "Supreme" bei jedem Atemzug wiederholen kannst. Wenn du dann die Kraft in der Wiederholung dieses Namens spürst, wird dein gesamtes Wesen von göttlicher Kraft erfüllt, und du wirst unweigerlich einen neuen Lebens- und Energiefluss spüren. Versuche immer, eine dynamische und progressive - nicht jedoch eine aggressive - Bewegung in dir zu spüren. Bei einer dynamischen und progressiven Bewegung kannst du nicht einschlafen. Fühle, dass ein Zug in dir fährt. Fühle dich selbst als Schnellzug mit einem einzigen Ziel. Der Lokomotivführer dieses Zuges wiederholt ständig Gottes Namen, um Energie, Stärke, Ausdauer und alle göttlichen Eigenschaften zu erhalten. Ein Schnellzug hält erst am Ende seiner Reise, der Endstation; unterwegs hält er nie. Dein Ziel wird es sein, eine tiefe Meditation zu erreichen.

Manchmal scheint es, dass ich meine ganze Zeit damit verbringe, mein physisches Bewusstsein wach zu halten, und deshalb nicht wirklich meditieren kann.
Sri Chinmoy: Lethargie und Schlaf kommen während der Meditation, weil das aufrichtige Interesse fehlt. Wo aufrichtiges Interesse vorhanden ist, gibt es keinen Platz für den Schlaf. Wenn ein Schüler der Erste in seiner Klasse sein will und wirklich aufrichtig interessiert ist, dann lernt er, ohne dass ihn seine Eltern zwingen. Doch einige Schüler fühlen, dass es für sie mehr als genug ist, wenn sie gerade so die Prüfung bestehen. Wenn sie das fühlen, fehlt ihnen jeglicher energischer Antrieb für ihre Schularbeit. Was deine Meditation betrifft, so solltest du immer eifrig und enthusiastisch sein. Wenn du das Gefühl hast, dass du nicht eine halbe Stunde lang meditieren kannst, macht das nichts. Meditiere zehn Minuten lang. Dann wirst du fühlen: "Oh, nur zehn Minuten. Das kann ich leicht tun." Wenn dein Ziel begrenzt ist, wirst du alle deine Energie darauf richten. Wenn das Ziel zwei Stunden sind, wirst du sagen: "O Gott! Es ist unmöglich für mich, so lang mit Spitzengeschwindigkeit zu laufen." Doch jeder kann zehn Minuten lang meditieren. Wenn du dreißig Kilometer laufen sollst, fürchtest du dich zu Tode. Doch wenn du siehst, dass das Ziel sehr nah ist, wirst du sagen: "Das kann ich ja leicht erreichen. Ich will so schnell wie möglich hinlaufen."

Wie können wir uns mit Energie aufladen, damit wir nicht einschlafen, wenn wir müde sind und meditieren wollen?
Sri Chinmoy: Wenn du dich müde und erschöpft fühlst, mache bitte einige tiefe, ruhige Atemzüge. Versuche zu fühlen, wie du durch verschiedene Teile deines Körpers atmest. Fühle, dass du durch die Augen, d